Aktuelle Positionen italienischer Kunst

Stadtgalerie Kiel zeigt breites Spektrum

„Prima Kunst“ lesen die Besucher auf einer Art Reklame-Schild in der Stadtgalerie Kiel. Prima steht für das Erste und verweist auf den Premio Fondazione VAF, einen italienischen Kunstpreis, der alle zwei Jahre von der VAF-Stiftung vergeben wird. Eine internationale Jury hat 15 italienische Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Werke die Vielfalt der italienischen Gegenwartskunst verdeutlichen. Ausgestellt werden diese noch bis zum 28. August in der Stadtgalerie Kiel. Von Malerei, über getöpferte Objekte, Installationen bis zu Video-Performances zeigt sich eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesellschaft.

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Existenz als Installation

Eine fiktive Erzählung, die um das Gefängnis als Metapher für die menschliche Existenz kreist, entwirft Andrea Mastrovito aus Bergamo in seiner Arbeit „Bar C33“. Dazu hat er im Raum Bistro-Tische arrangiert. Objekte auf den Tischen gehen in Zeichnungen über. Die Installation erinnert an die Literaturcafés, in denen das tagesaktuelle Geschehen diskutiert wurde.

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Andrea Mastrovito „Bar C33“, Foto: N. Müller

Mit der Grenze zwischen Kunstwerk und Betrachtungsraum spielt auch Paolo Chiasera aus Bologna. Er zitiert andere Künstler und verneint die individuelle Autorschaft. Die „Black Hunter“ ist Malerei und Installation zugleich. Er erinnert an koreanische Totems, reflektiert die griechische Mythologie, Söderberg, Hanne Darboven und William Tyler. Die Leinwand liegt auf dem Boden auf und geht in den Raum des Betrachters über, so dass dieser sich als Teil des Kunstwerkes fühlt.

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Gib eine Beschriftung eiPaolo Chiasera „Black Hunter“, Foto: N. Müller

Kunstgeschichtliche Tradition und Kritik

K1600_DSC_3274Mehrere der ausstellenden Künstler transformieren Pathosformeln der italienischen Kunstgeschichte in Medien des digitalen Zeitalters. Roberto Pugliese interessiert sich für programmierte Kunst und Soundart. Er erfindet digital gesteuerte Apparaturen, die gesellschaftliche Botschaften vermitteln. So symbolisiert die Mechanik von „Critici ostinati ritmici“, dass irgendwo auf dem Globus ein Baum gefällt wurde.

Eine ähnlich kritische Reflexion der Umwelt und ihrer Bedrohung erreicht Davide Monaldi mit seinen Keramik-Arbeiten. Was er dabei alles aus Ton formt, ist erstaunlich: vom Fischdosen-Turm bis zum Basketball-Korb. Mit der Wahl des Werkstoffes greift er auf eine bis in die Antike zurückreichende Tradition des Mittelmeerraumes zurück und noch mehr – wenn man an den Schöpfungsmythos des Gilgameschepos denkt.

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Urlaub für die Augen

Eine Reise durch die Kunstgeschichte im im Museumsneubau der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin

Wie alte und eine neue Welt über eine Glasbrücke verbunden, so wirkt die neu arrangierten Ausstellungsbereiche in der Galerie Alte & Neue Meister des Staatlichen Museums Schwerin. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde der Neubau des Museums am 1. Juli eröffnet. Auf einer Ausstellungsfläche von 1500 m² haben die Werke des 20. und 21. Jahrhunderts jetzt eine permanente Bühne.

 

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Das Sehen neu entdecken in der Ausstellung moderner Kunst, Foto: N. Müller

Über eine Prunktreppe in den Altbau und über eine Glasbrücke in den Neubau geführt, kann der Besucher eine kunstgeschichtliche Zeitreise vom 17. ins 21. Jahrhundert erleben. Dabei setzt Schwerin einzigartige kontrastreiche Sammlungsschwerpunkte. Wo treffen schon die Holländer des 17. und 18. Jahrhunderts auf Fluxus oder Oudry auf Duchamp?

Der neu konzipierte Ausstellungsbereich zur Gegenwartskunst packt den Besucher bei den Sinnen, indem er zu neuem Sehen auffordert. Große Ausdruckskraft prägt gleich zu Beginn die „Herbstblumen“ von Lovis Corinth. Er gehörte zu den Künstlern, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die erstarrte Regelhaftigkeit der Kunstakademie auflehnten. Durch einen freien Umgang mit Formen und Farben versuchten sie der subjektiven Wahrnehmung der Welt Ausdruck zu verleihen. Die folgenden Werke sind meist so gehängt, dass sie in einen formalen bzw. inhaltlichen Dialog treten, zum Beispiel Wolfgang Mattheuers „Schwebendes Liebespaar“ (1970) gegenüber von Wolfgang Mattheuers „Fliegenlernen im Hinterhof“ (1996), ein Werk, das erst dieses Jahr in den Besitz des Museums gekommen ist. Sie umrahmen Werke von Zero-Mitbegründer Günther Uecker. Neben der Videokunst im Erdgeschoss prägen sie die Ausstellung im Museumsneubau.

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Die Gewalt von Mattheuers „Fliegenlernen im Hinterhof“ steht im Dialog mit dem Werk von Günther Uecker, Foto: N. Müller

Ueckers Nageltisch, Sandspirale und sie „Wustrower Tücher“ scheinen wie für den Ausstellungsraum geschaffen. Der Künstler selbst hat sich im Vorfeld der Eröffnung Zeit genommen die Ausstellung im Obergeschoss des Museumsneubaus zu arrangieren. Sandspirale und Wustrower Tücher erinnern dabei an Zeitlichkeit und Vergänglichkeit. Der Nageltisch ruft die Verletzlichkeit des Menschen ins Gedächtnis. Auf der Halbinsel Wustrow hat der 86-jährige Künstler seine Jugend verbracht. Nach dem Untergang des Flüchtlingsschiffes „Cap Arkona“ im Mai 1945 mit fast 7000 Todesopfern, zwangen russische Soldaten den damals 15-jährigen dort am Strand die angeschwemmten Leichen zu begraben. Diesen unbekannten Toten, KZ-Häftlingen will er mit der Reihe „Wustrower Tücher“ gedenken.

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Die Sandspirale und die „Wustrower Tücher“ im Museumsneubau

 

Im Kontrast zu der elegischen Konzeptkunst Ueckers steht eine breite Schau der Fluxus-Kunst. Sie versucht die Kunst ins Leben zu überführen. Fordert den Besucher zu ungewöhnlichen Taten auf. Ein Highlight am Eröffnungstag war die Performance der in Japan geborenen Fluxus-Künstlerin Takako Saito. In der der Ausstellung gibt sie an der „blauen Wand“ die Möglichkeit mit ihr ein Kunstwerk zu gestalten. Den erweiterten Kunstbegriff fasste ein Gast lapidar, als er von seinem Sohn gefragt wurde: „Was ist das?“ „Das ist ein Kleiderständer, der zu Kunst umfunktioniert wurde.“ Man könnte auch Ben Vautier zitieren: Alles ist Kunst!

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Spielkopf von Takao Saito

Ein Spielplatz für die Phantasie

Es ist ein echtes „Leuchtturmprojekt“ für die Kunst. Reizvoll durch eine ästhetische Mischung aus altem Industriegebiet, verfallenen Häusern, Schrott- und Kunstplatz. Rund 40 Meter hoch sind die Atelierräume von Ian Wiskow. Er hat aus dem um 1920 errichteten Turm des alten E-Werks am Stralsunder Hafen einen der wenigen Kunsttürme in Deutschland gemacht. Der 54-Jährige nennt es Kunstlabor, denn in dem alten Industriedenkmal ist ein Spielplatz für Kreativität entstanden.

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Der Kunstturm von Ian Wiskow gehörte früher zu einem E-Werk. Foto: N. Müller

Im Erdgeschoss zeigen Schülerarbeiten den lebendigen Umgang mit Literatur und Porträt. Die Botschaft: „Glücklich ist nur die Seele, die liest.“ Im Geschoss darüber veranschaulichen Wasserspiele, wie die Dinge zusammen wirken. Eine bunte, begehbare Galerie lädt dazu ein, den Kunstraum aus anderer Perspektive zu betrachten. Im dritten Turmgeschoss hat Ian Wiskow seine Atelierräume eingerichtet. Seine Werke verraten eine Vorliebe für den Menschen und einen improvisierenden, spielerischen Schaffensprozess.

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Auf seinen ausgedehnten Reisen ist der Weltenbummler Wiskow vielen Menschen begegnet. Seine Jugend hat er mit seinen Eltern und Geschwistern in Brasilien verbracht und dort Agrartechnik studiert. In Portugal hat er biologischen Landbau betrieben und in Ghana den Straßen- und Häuserbau unterstützt, bevor er 1999 Kunst, Design und Pädagogik in London studierte. Ein Vorbild, seine Mutter, die Meisterschülerin des Malers und Grafikers HAP Grieshaber war.

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Ian Wiskow setzt seine Installation „Wasserspiele“ in Gang. Foto: N. Müller

Seit 2010 lebt Ian Wiskow in Stralsund. Eine Performance auf seiner Website zeigt, wie er sich humorvoll und kritisch mit der Stadtgeschichte auseinandersetzt. „Auf dem Weg von Hamburg, die Küste entlang habe ich die Stadt entdeckt und hier eine Heimat für mich gefunden“, meint der 54-Jährige. Ein kleines Kino im Kunstturm stellt Videoprojekte vor, die er in verschiedene Kunstprojekten mit Stralsunder Schülern geschaffen hat. 2016 plant er eine Ausstellung eigener Werke. Seine großformatige Malereien stellen das Porträt in den Fokus. Abstrahierend reduziert Wiskow Gesichter auf prägende Linien. Seine „Wasserspiele“ vermischen, vergleichbar mit Duchamps „Ready Mades“ die Grenzen zwischen Alltagsgegenstand und Kunst.

Negativland im E-Werk

Es geht back to the roots, in die Hoch-Zeit der MTV-Pop-Kultur, der Musikvideos und der goldene Ära der Fernsehwerbung. Gleichzeitig beschreibt die Ausstellung von Negativland im Schweriner E-Werk eine Auseinandersetzung mit dem geistigen Eigentum und das alles in einer parodistischen Anti-Haltung, wie bei Banksys Dismaland mit gesellschaftskritischer Intention.

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Bis zum 24. Mai zeigt der Schweriner Kunstverein in der Kunsthalle Arbeiten der Gruppe Negativland. In größeren Ausstellungen waren die Arbeiten der kalifornischen Rockband erst in den USA und in der Schweiz zusehen. Denn Kunst ist quasi nur ein Nebenspielplatz für die Musiker, die mit Collage- und Sampling-Techniken arbeiten.

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Gegründet wurde Negativland schon 1979, noch heute tourt die Band durch die USA und man kann ihre Seite auf Facebook liken. Ausgestellt in der Kunsthalle erreichen sie eine Erweiterung des Kunstbegriff. Er erinnert an den Fluxus, das Fließende, die Aktion und die Aufforderung zur Handlung. „Die Ausstellung ist gleichzeitig ein Kunstwerk, weil wir zum ersten Mal einen Künstler als Kurator der Ausstellung haben“, sagt Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe vom Kunstverein. Konzipiert wurde die Ausstellung von Andreas Wegner der neue künstlerische Leiter des Kunstvereins. Eine in Collage-Technik angebrachte Leinwand ist das Herz der Ausstellung. Auf ihr werden Parodien zu Disney und der wunderbaren Werbewelt gezeigt.

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Negativland kopiert die Werbesprache und ihre aggressiven Persuasionstechniken. Wie die Künstler aus früheren Epochen greifen sie das auf, was sie umgibt und nutzen kreieren daraus ihre eigene Botschaft. In der Ausstellung bieten Plattencover und künstlerische Arbeiten zusammen mit Videos und Songs quasi ein Gesamtkunstwerk. Ein Film erzählt den interessanten Werdegang der Gruppe.

 

Begegnungen mit dem Puppenspieler

Es sind Eselköpfe und Narrenkappen, die immer wieder leitbildartig auf den Bildern von Frank Hauptvogel auftauchen. Seine Figuren haben die Beine von Marionetten. Nur sind keine Fäden zu erkennen. Wer in Frank Hauptvogels Ausstellung „Begegnung mit dem Puppenspieler“, zu sehen bis zum 3. Juni in der Marienkirche in Stralsund, der mächtige Strippenzieher ist, bleibt offen.

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Frank Hauptvogel bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Begegnungen mit dem Puppenspieler“ Foto: N. Müller

So neorealistisch und dinglich die Bilder eines Vertreters der Leipziger Schule auf den ersten Blick wirken, sie fordern auf zum genauen Hinschauen. Durch ihre Metaphern und surrealistischen Elemente stellen sie den Betrachter vor Rätsel. Der Kunsthistoriker Dr. Burkhard Kunkel zieht seiner Laudatio zur Vernissage treffend den Vergleich heran: „Man sollte sich zur Betrachtung so viel Zeit nehmen, wie die Erschaffung des Werkes gebraucht hat.“

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Der Seilspringer (2014)

Der Maler wird als Schöpfer seiner Werke selbst zum Puppenspieler. Die von ihm inszenierten Bühnenräume sind bedrückend. Wenn die Figuren wie im Werk „Der Seilspringer“ (2014) bis zur Selbstaufgabe ihren Fähigkeiten nachgehen, zeigt sich die Ambivalenz von der Passion. Ein anderes Bild illustriert, wie die Fabrik eine Frau bis in ihre Träume verfolgt und ruft den neudeutschen Begriff Work-Life-Balance in Erinnerung. Immer wieder wird die Frage nach dem freien Willen und den wahren Sein aufgeworfen. „Die Werke lassen bewusst einen offenen Deutungsspielraum für den Betrachter“, erklärt Frank Hauptvogel in seiner Dankesrede zur Ausstellungseröffnung. Er spielt mit dem Verhältnis zwischen dargestelltem Schauspiel und wahrhaftigem Empfinden.

In der Marienkirche präsentiert der Künstler 23 aktuelle Werke. Frühe Werke zeichnen die künstlerische Entwicklung der Grafikers und Malers Hauptvogel nach. Das die „Hommage“ (2009) die verschlüsselte Bildsprache Werner Tübkes, des Urvaters der Leipziger Schule, aufgreift, ist nicht schwer zu erraten. Frank Hauptvogel war nach dem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Meisterschüler bei Arno Rink, einem Schüler von Tübke und Heisig. Bis 2013 war er Mitarbeiter an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden im Fachbereich Theatermalerei. In seinem Werk führt er immer wieder den Dialog mit den benachbarten Künsten Literatur und Theater. 2012 hatte er seine erste Einzelausstellung in Stralsund.

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Navicella – Lebensreise

Das Motiv in der Objektkunst und Streetartfotografie

Das Leben als Schiffsreise in der Kunstgeschichte heimisch seit Giottos Navicella kann man als übergreifendes Thema der Gemeinschaftsausstellung von Jens Prockat, Roland Wolff und Andreas Lampe in der Turmhalle der Marienkirche in Stralsund ansehen. Sie kann bis 1. Mai besichtig werden.

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Ausstellung in der Turmhalle der Marienkirche, Foto: N. Müller
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„VERN“ von Roland Wolff

Das Schiff ist ein Leitmotiv in der künstlerischen Arbeit von Roland Wolff. Er baut sie aus Fundstücken, die er am Strand, im Wald oder bei Abrissen entdeckt. Sie spiegeln den Einfluss der Naturgewalten auf das Leben. Wolff (geb. 1964) träumte während seiner Jugend auf dem Darß davon zur See zu fahren. Diesem Wunsch wurden in der DDR enge Grenzen gesetzt. Stattdessen fing er schon damals an kleinen Boote zu bauen und sie schwimmen zu lassen. Noch heute prägt diese Erfahrung sein künstlerisches Werk.

Jens Prockat (geb. 1944) schafft mit seinen maritimen Installationen den Lebensraum für Wolffs Schiffe. Das Objekt „Schwarm“, das vom hohen gotischen Gewölbe herunterhängt, thematisiert das Leben in der Gemeinschaft.

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„Schwarm“ von Jens Prockat

Die Verspieltheit der Installation zeigt das Zufällige, das Leichte, aber auch Geordnete dieses Zusammenseins. Mitten in den Objekten von Prockat kann man auf Perlensuche gehen. Quallendarstellungen oder der Meeresboden schlagen die Brücke zwischen Kunst und Naturmodell.

Auf ganz andere Weise setzt der Greifswalder Andreas Lampe (geb. 1962) das Motiv Lebensreise um. Seit 1990 begab sich der gelernte Schaufensterdekorateur auf ausgedehnte Fotoreisen. In St. Marien zeigt er eine Reihe von Städteporträts. Sie entstehen durch Momentaufnahmen von Menschen in Hamburg, München, Brügge und Paris. Sie erzählen Geschichten, charakterisieren individuelle Eigenheiten und zeigen die unglaubliche Beobachtungsgabe von Lampe. Vorbild für den Greifswalder ist dabei Urvater der Streetartfotografie Henri-Cartier Bresson, der schon in den 1930er Jahren seine Fotomotive im Getümmel der Straßen fand.

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Die Lebensreise in der Objektkunst und Streetartfotografie, Foto: N. Müller

Zeitgenössische Kunst aus MV

„SITUS VI LATIN ISSET ABERNIT“

Spötter würden fragen: Was ist denn das Thema der Ausstellung? Unter dem Titel „SITUS VI LATIN ISSET ABERNIT“ gibt der Kunstverein Schwerin im E-Werk noch bis 3. April einen Einblick in das vielseitige Schaffen der Künstler in Mecklenburg-Vorpommern. Und die Persiflage eines Lateinerspruches mag es schon andeuten, eine kanonische Eingrenzung gibt es nicht.

Blick in die Ausstellung in E-Werk
Blick in die Ausstellung im E-Werk

Um den größtmögliche Kontrast zu erreichen werden die monochromen Arbeiten von Andreas Barth (Greifswald) zusammen mit den altmeisterlichen Stillleben von Lars Lehmann aus Güstrow gezeigt. Dessen monumentalem Werk „Babylon“ von 2009 kann man noch mit der guten alten Ikonografie zu Leibe rücken. In Lasurschichten stellt er den schweren Aufstieg in einer vergegenständlichten Welt dar.

Barth begibt sich mit seinen Werken auf die Spuren von Yves Klein und landet bei der materialistischen Aussage von industriell bestimmten Mischungsverhältnissen der Farbe.

Sonja Rolfs aus Rostock führt die abstrakte Kunst ins Räumliche. Ihre Lichtinstallation erinnert an eine Wiese mit einfallendem Sonnenstrahl. Gerade nach der dunklen Jahreszeit möchte man das nachbauen und ins Büro stellen. Ruzisca Zajec vom Gut Kaarz bei Schwerin faszinieren Spiegel. Erst nutzt sie diese als Mischpalette. Dann setzt sie sich mit deren Wirkung auseinander.

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Die technische Bandbreite der Ausstellung erweitert die Webkunst von Hannah-Sophia Kuhlmann. Von ihr ist der Wandteppich Nervenzelle in der Ausstellung zu sehen, eine Leihgabe der Uni Rostock. Bezüglich der Webtechnik lässt sich ihre Arbeit mit Anka Kröhnkes „Carlsberg“ (Ostseebad Kühlungsborn) vergleichen. Die Künstlerin sammelt Dosen und nutzt sie für ihre ornamentalen Werke. Die Schnittstelle der Kunst zum vermeintlich banalen Alltag lässt an die Neudefinition des Kunstbegriffs in der Pop Art denken. Das Werk spannt einen Bogen zurück zu „SITUS VI LATIN ISSET ABERNIT“, zu der Nachbarschaftlichkeit und Vielseitigkeit der Gegenwartskunst in MV.