Ein Querschnitt zeitgenössischer, regionaler Kunst

23. Herbstsalon der Kunstsammlung Neubrandenburg

Warum verwendet die Künstlerin Röntgenaufnahmen als Druckuntergrund? Was ist ein Porträt?, fragte sich so mancher Besucher angesichts der präsentierten Werke im 23. Herbstsalon der Kunstsammlung Neubrandenburg. 23 der bedeutendsten Gegenwarts-Künstler aus MV waren am 26. November in die 4-Tore-Stadt gereist, um ihre Werke zu präsentieren und zu verkaufen. So bot sich eine günstige Gelegenheit, die Trends der regionalen zeitgenössischen Kunst zu erleben und mit den Malern und Bildhauern über diese Entwicklungen zu reden.
Einige der Kunstschaffenden sind Quereinsteiger. So zeigte die ehemalige Krankenschwester Monika Bertermann ihre Werke. Als Bildträger verwendet sie nicht etwa eine Leinwand oder Papier, sondern ausgediente Röntgenbilder. Als Palimpsest setzt sie ein Bild über das andere, überdeckt ein Stück durchleuchtete Schöpfung mit einem Stück neuer Schöpfung.

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Monika Bertermann Collage aus Röntgenbildern, Foto: N. Müller

Eines der Urgesteine der Neubrandenburger Kunstszene ist Karlheinz Wenzel. Seit 1970 arbeitet er dort und gibt sein Wissen an junge Kunstschaffende weiter. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Berlin Weißensee bei progressiven Vertretern der realistischen Kunst in der DDR, wie Arno Mohr und Bert Heller. Wenzels Werke werden allerdings bestimmt von abstrakten Strukturen, sie stellen die Form vor den Inhalt und halten so Stimmungsbilder fest.

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Karlheinz Wenzel spricht über seine Bilder, Foto: N. Müller

Nicht nur die zeitgenössische regionale Malerei wurde im Herbstsalon der Kunstsammlung sehr fassettenreich vorgestellt, auch einige einheimische Bildhauer waren vor Ort. Wie Karlheinz Wenzel wurde auch Michael Mohns in Berlin Weißensee ausgebildet. Sein Atelier hat er in Tarnow bei Bützow. In seinem Werk konzentriert sich der studierte Biologe oft auf Einzel-Formen und Details (z.B. Schädelformen), die er immer weiter abstrahiert. In der Ausstellung zeigte er auch Vorarbeiten, die die Werk-Genese verdeutlichten. Seine Arbeiten erinnern an die Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft, die seit der Renaissance besteht und den Künstler zum Forscher und zweiten Schöpfer macht.

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Ausgestellte Skulpturen im 2. Herbstsalon, Foto: N. Müller

Alexander Neroslow: Poesie in Farbe

Diese Bilder sind noch auf der Suche nach einem Museum, nach einem festen Platz im kulturellen Raum. Noch bis 27. November zeigt das Stralsund Museum in der Sonderausstellung „Poesie in Farbe“ ausgewählte Werke von Alexander Neroslow. Die kleine aus einer Privatsammlung stammende Bilderauswahl zeigt die wesentlichen Eckpfeiler seines Schaffens: Porträt, Landschaftsmalerei und Aquarell. Sie spiegeln die Schönheit und Rauheit der nordischen Landschaft und das vermeintlich Typische ihrer Bewohner. Mit 62-Jahren hat Neroslow das erste mal den Darß besucht, von da an malt er dort immer wieder. Die Motive kennzeichnet eine sachliche Ruhe. Mal unterhalten sich wohl komponiert Fischerfrauen. Mal leuchten prachtvolle Blumen auf einem Stillleben. Es scheint als sei der Maler zur Ruhe gekommen noch einem bewegten Künstlerleben.

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Wartende Frauen am Kurischen Haff, Aquarell 1944
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Alexander Neroslow

1891 in St. Petersburg geboren verließ Neroslow Russland, um in Dresden Architektur zu studieren. Dort lernte er unter andrem Otto Dix und Hans Grundig kennen. Wie bei vielen Zeitgenossen, führte der erste Weltkrieg zu einem Bruch in seinem Leben. Der Deutsch-Russe wurde als Zivilgefangener in Meißen interniert. Als er wieder freikam, ging er nach Berlin und beschloss Kunst zu studieren. Wieder in Dresden schloss er sich der Widerstandsbewegung an. Wegen seiner Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppe wurde er in einem Schauprozess vom Volksgerichtshof Berlin zusammen zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis zum Tag der Befreiung, dem 8. Mai 1945, blieb Neroslow politischer Gefangener im Zuchthaus Waldheim in Sachsen.

Wie sich diese Erfahrungen in seinem Werk niederschlugen ist schwer zu sagen, denn ein Großteil seines künstlerischen Werks ist während des Bombenangriffs auf Dresden zerstört worden.

Nach dem Krieg begann dann allerdings eine rege Phase der künstlerischen Tätigkeit mit vielen Ausstellungen. Neroslow lehrten Porträtmalen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Im Kulturhistorischen Museum sind einige seiner eigenen Porträts zu sehen. Sie zeigen sein Interesse an den einfachen Menschen. Vor monochromen Hintergrund wird das Wesen der Porträtierten fokussiert. Neben Porträts sind in diesen Jahren auch eindrückliche Fotografien entstanden, von denen einige die Grundlage für seine Malerei bildeten.

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Porträts im Stralsund Museum, Foto: N. Müller

Als in Kunst des sozialistischen Realismus die Formulismusdebatte immer mehr bestimmte legte der Quergeist sein Lehramt nieder. In seinen Landschaftsbildern flieht er vor den Restriktionen. Erobert sich in der Grafik mehr Freiheiten. In seinem Aquarell „Strandlagune am Esper Ort“ überschreitet er die Grenze der gegenständlichen Darstellung durch den artifiziellen Gebrauch der Linie entwickelt er eine moderne Formensprache.

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Kunst heute – Mit den Werken die Welt wandeln

Kunst heute – mit diesem landesweiten Aktionsprogramm wird seit einigen Jahren mit vielfältigen Ausstellungen die zeitgenössische Kunst in Mecklenburg-Vorpommern vorgestellt. Dabei hat man die Chance, Werke von Künstlern zu entdecken, deren Schaffen noch nicht in den großen Kunstschauen aufgetaucht ist.

„Kunst heute“ in Stralsund brachte Kunst in den öffentlichen Raum, u.a. in die Stadtbibliothek. Dort zeigt die Barbara Wetzel in ihrer Ausstellung zahlreiche Holzschnitte. Die in Wittenberge geborene Künstlerin ist gelernte Steinmetzin und hat in Dresden Bildhauerei studiert. Am Holzschnitt schätzt sie die Möglichkeit des direkten Ausdrucks und der direkten Reaktion. Ihre Blätter kombinieren filigran Muster und Motive. Die überlängten Figuren auf ihren Drucken erinnern an die zerbrechlichen Plastiken von Alberto Giacometti und die Verletzlichkeit des Menschen. Mit ihrer Kunst möchte sie sich einmischen in die Gesellschaft. Dabei holt sie sich auch immer wieder Anregungen aus dem Theater und der Literatur. Weil es die Existenz der Künstlerin beschreibt, fasziniert sie insbesondere Virginia Woolfs Essay „Ein eigenes Zimmer“. Mit Witz und Poesie erzählen beide Frauen vom künstlerischen Schaffen und der Akzeptanz in der Gesellschaft.

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Sechs weitere Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern präsentieren ihre Werke bis heute in der Kultur Kirche St. Jakobi. Gleich am Eingang faszinieren die aufgehängten Kopfkissen von Jorinde Gustavs die Besucher der Kirche. Unverblümt sind sie eine Absage an den Egoismus und die Egozentrik in der Gesellschaft und formulieren andere anzustrebende Werte. Ähnlich wie Barbara Wetzel will auch Gustavs diese mit ihren Werken beeinflussen. Dabei setzt sie auch gern auf das Mittel der Provokation, wie -vor einigen Jahren- die Ausstellung mit einem gynäkologischen Stuhl in der Marienkirche in Stralsund. Mit ihrer Konzeptkunst erobert sie den Raum.

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Auf eine ungewöhnliche Technik setzt Monika Bertermann mit ihren Materialdrucken auf Röntgenbildern. Vielleicht ist das ein Rückbezug auf ihre Ausbildung als Krankenschwester. Die abstrakten, collageartigen Arbeiten thematisieren, dass Sehen nur fragmentarisch ist.

Abstraktes Arbeiten kennzeichnet auch die anderen an der Ausstellung beteiligten Künstler. In einem engen formalen Dialog stehen die Arbeiten der Neubrandenburger Künstler Bernhard Schrock und Karlheinz Wenzel, auch wenn sie sich jeweils mit anderen Inhalten beschäftigen. Der in Berlin Weißensee ausgebildete Wenzel setzt insbesondere die Küstenlandschaft in Szene. Der ausgebildete Schlosser und seit 1980 als freischaffender Maler und Grafiker Bernhard Schrock zeigt ein Triptychon zur Lyrik von O. Paz.

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Bernhard Schrock, o. T.  zu Lyrik von O. Paz, Foto. N. Müller

Die Stralsunder Künstlerin Grit Piolka und Wolweber komplettieren die Ausstellung mit ihren Werken. Grit Piolka zeigt, wie leicht und haptisch zugleich Ölmalerei sein kann. Ihre Arbeiten vermeiden die geschlossenen Formen, lassen über verschiedene Schichten schimmernd ein Bild entstehen. Sie zeigen eine neue, frische Auffassung von Mee/hr-Motiven.

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Grit Piolka „Segler“, Foto: N. Müller

Bartels: Ein Maler ohne Staffelei

Bartels: Ein Maler ohne Staffelei

Ausstellung „Einfach und nur schön“ in Rostock

Menschen wandeln durch die Dunkelheit, Laternen weisen ihnen den Weg. Gerade jetzt im Herbst hat Licht wieder eine eindringlichere Wirkung, jeder denkt gern an die Laternenumzüge aus der Kindheit. Der Maler Rudolf Bartels (1872-1943) hat diesen schönen Moment in seiner bekanntesten Gemäldeserie, die „Laternenkinder“, festgehalten. Das kulturhistorische Museum Rostock zeigt sie neben anderen seriellen Bildern noch bis zum 2. Oktober in der Ausstellung „Einfach und nur schön“.

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Die Ausstellung thematisiert die Bildserien von Rudolf Bartels, Foto: N. Müller

Fast expressionistisch muten seine Winterbilder an, die ihn von den anderen Vertretern der Schwaaner Künstlerkolonie unterscheiden. Das bisher bekannte Oeuvre umfasst rund 250 Arbeiten. Sie zeigen zumeist Landschaftsbilder, Blumen, blühende Bäume, Rostocker Stadtansichten, aber auch Friedhöfe. Die Petri- und Nikolaikirche malt er mehrfach. Als er vor 99 Jahren nach Rostock kam, hatte die Hansestadt noch vier Gotteshäuser.

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Rostock im Winter, Foto: N. Müller

Rudolf Bartels gehöre zu den nord­deutschen Avantgardemalern des 20. Jahrhunderts. Ab 1887 erlernte Bartels den Beruf eines Dekorationsmalers und war von 1892 an in verschiedenen Städten Deutschlands als Maler tätig. 1900 begann er ein Kunst-Studium bei Theodor Hagen in Weimar. Bis 1912 beschäftigte sich Bartels mit der Wirkung von Spektralfarben und gebrochenen Farben. Er tritt damit in die wissenschaftlichen Fußstapfen u.a. von Goethe. Das bekannteste Resultat dieser Forschungen sind die „Laternenkinder“.

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Die Serie „Laternenkinder“ in der Ausstellung, Foto: N. Müller

Das Besondere an Rudolf Bartels: Der leidenschaft­liche Künstler hat laut kunsthistorischer Forschung nie eine Staffelei besessen.

DADA ist 100

Wanderausstellung mit 60 internationalen Künstlern

Mit Kunst eine Revolte anzetteln, durch die zufallsgesteuerte Aktion von Wort und Bild die gesellschaftlichen Normen demontieren – Das war die Agenda von Emmy Jennings, Hugo Ball und Hans Arp, als sie vor 100 Jahren in Zürich die DADA-Bewegung ausriefen.

Zur Erinnerung an diese Revolution im Kulturbetrieb haben rund 60 Künstler aus der Schweiz, den USA, Großbritannien und Spanien Werke für eine Wanderausstellung „Dada ist 100“ geschaffen, die diesen satirischen Paukenschlag mit Bezug auf unsere heutige Zeit wiederholen. Gerade war sie im Speicher am Katharinenberg in Stralsund zusehen, ab 28. September wird sie in Halle an der Saale zu Gast sein. Das Finale der Schau gibt es dann im Hamburger Museum der Arbeit.

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„JE SUIS …DADA“ steht auf dem Werk des Belgiers de Schrevel aus Gent. Es unterstreicht die Aktualität von DADA und erinnert an den gesellschaftlichen Einschnitt – den Anschlag von Paris. An dieser Grafik zeigt sich aber auch, dass DADA sich der inhaltlichen Vereinnahmung entzieht. Es bleibt „Le art pour le art“, wie sie die Künstler im legendären Cabaret Voltaire betrieben hatten, um der Propaganda-Kunst des 1. Weltkrieges etwas entgegenzusetzen, als Spott auf jede Sinnsymbolik.

Das Spielerische macht es dem Sinnsuchenden in der Ausstellung schwer. Es befreit aber auch unglaublich im Denken, fordert auf Neues zu erfinden, ohne sich an bestehende Konventionen zu halten. Sind wir nicht alle ein bisschen DADA?

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Zur Nachahmung empfohlen

Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit

Kunst und Wissenschaft – Bei Leonardo da Vinci sind sie das erste Mal ein großes Bündnis eingegangen, um die Kunst aus den Niederungen der ars technicae zur ars sapientiae zu erheben. Eine Befreiung aus vorgefassten Kategorien sozusagen. Die Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“ unternimmt ebenfalls diese Grenzerweiterung von der Kunst zur Wissenschaft und schärft damit die Sinne für den Schutz Gesellschaft und den Erhalt der Umwelt. Sie wird bis 11. September an drei Ausstellungsorten gezeigt: im Marstall Schwerin, in der Nikolaikirche Rostock und im Schloss Bröllin in Fahrenwalde. Insgesamt präsentieren 62 Künstler aus 30 Nationen.

Wiederum an Leonardo erinnert das Modell von David Smithson „Solar Powered Electric Chair“ (1992). Wie den Renaissancekünstler, der auch Panzer entwarf, interessieren Smithson die „Tabu“-Themen und das Unentdeckte. Denn ist alternative Energie nicht auch in diesen Bereichen denkbar? David Smithson macht schockierend klar, dass Ökologie -ohne Menschenrechte- ökologisch korrekt vollzogene Todesstrafen bedeuten könnte. Die natürliche Energie des Sonnenlichtes würde den Strafvollzug durch Menschen jedenfalls irgendwie wieder zu einer Sache der Schöpfung oder des Schöpfers machen.

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David Smithson „Solar Powered Electric Chair“ (1992), Foto: N. Müller

Einen ernüchternden Fakt des Tech-Zeitalters visualisiert Michael Saup aus Berlin in „Pyramis Niger – Incarnation Internet MMIX “ (2010). Laut der vom Künstler aufgestellten Hochrechnung verbraucht die Nutzung des Internets 1000.000.000.000 kWh pro Jahr . Würde man den damit einhergehenden Kohlendioxidausstoß in Kohlebriketts umrechnen, ergäbe das eine Pyramide mit einer Höhe von 900 Metern und einer Länge von rund 1400 Metern oder eine Linie eineinhalb Mal so lang wie die Entfernung zwischen Erde und Sonne.

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Michael Saup Projekt „Pyramis Niger – Incarnation Internet MMIX “ (2010)

Das von Ines Doujak für die Ausstellung geschaffene Werk „Biopiraterie“ (2010) ist eine Variante der Installation, die sie auf der Dokumenta X gezeigt hat. Sie thematisiert das Thema des hortus conclusus. Den geschützten Garten reduziert sie aber auf Düngesäcke mit Protestschildern. Ein eindringliches Bild für Biopiraterie und Ausbeutung der Umwelt.

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Ines Doujak „Biopiraterie“ (2010), Foto: N. Müller

Die Mechanismen der Finanzwelt untersucht Christian Lahr mit dem Kunstprojekt „Macht Geschenke: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie (2009 bis ca. 2052). Seit dem 31. Mai 2009 überweist er täglich 1 Cent an das Bundesministerium für Finanzen, um dem Schuldenberg in homöopathischen Dosen entgegenzuwirken. Zum Werk erläutert er: „In das Feld „Verwendungszweck“ schreibe ich jeweils 108 Zeichen aus „Das Kapital – Kritik der polotischen Ökonomie von Karl Marx. So wird nach und nach der gesamte Text des Buches per Online-Banking auf das zentrale Konto des Staates übertragen.“ Die Übermittlung dauert ungefähr 43 Jahre . Die Transfersumme liegt bei 15709 Cents. Jede der Überweisungen dokumentiert er mit einem Screenshot, den er einmalig auf Urkundenpapier druckt und symbolisch an einen Bürger verschenkt. Die überwiesene Stelle streicht er in Marx „Kapital“, bis das Werk vollkommen gestrichen ist.

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Aktuelle Positionen italienischer Kunst

Stadtgalerie Kiel zeigt breites Spektrum

„Prima Kunst“ lesen die Besucher auf einer Art Reklame-Schild in der Stadtgalerie Kiel. Prima steht für das Erste und verweist auf den Premio Fondazione VAF, einen italienischen Kunstpreis, der alle zwei Jahre von der VAF-Stiftung vergeben wird. Eine internationale Jury hat 15 italienische Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Werke die Vielfalt der italienischen Gegenwartskunst verdeutlichen. Ausgestellt werden diese noch bis zum 28. August in der Stadtgalerie Kiel. Von Malerei, über getöpferte Objekte, Installationen bis zu Video-Performances zeigt sich eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesellschaft.

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Existenz als Installation

Eine fiktive Erzählung, die um das Gefängnis als Metapher für die menschliche Existenz kreist, entwirft Andrea Mastrovito aus Bergamo in seiner Arbeit „Bar C33“. Dazu hat er im Raum Bistro-Tische arrangiert. Objekte auf den Tischen gehen in Zeichnungen über. Die Installation erinnert an die Literaturcafés, in denen das tagesaktuelle Geschehen diskutiert wurde.

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Andrea Mastrovito „Bar C33“, Foto: N. Müller

Mit der Grenze zwischen Kunstwerk und Betrachtungsraum spielt auch Paolo Chiasera aus Bologna. Er zitiert andere Künstler und verneint die individuelle Autorschaft. Die „Black Hunter“ ist Malerei und Installation zugleich. Er erinnert an koreanische Totems, reflektiert die griechische Mythologie, Söderberg, Hanne Darboven und William Tyler. Die Leinwand liegt auf dem Boden auf und geht in den Raum des Betrachters über, so dass dieser sich als Teil des Kunstwerkes fühlt.

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Gib eine Beschriftung eiPaolo Chiasera „Black Hunter“, Foto: N. Müller

Kunstgeschichtliche Tradition und Kritik

K1600_DSC_3274Mehrere der ausstellenden Künstler transformieren Pathosformeln der italienischen Kunstgeschichte in Medien des digitalen Zeitalters. Roberto Pugliese interessiert sich für programmierte Kunst und Soundart. Er erfindet digital gesteuerte Apparaturen, die gesellschaftliche Botschaften vermitteln. So symbolisiert die Mechanik von „Critici ostinati ritmici“, dass irgendwo auf dem Globus ein Baum gefällt wurde.

Eine ähnlich kritische Reflexion der Umwelt und ihrer Bedrohung erreicht Davide Monaldi mit seinen Keramik-Arbeiten. Was er dabei alles aus Ton formt, ist erstaunlich: vom Fischdosen-Turm bis zum Basketball-Korb. Mit der Wahl des Werkstoffes greift er auf eine bis in die Antike zurückreichende Tradition des Mittelmeerraumes zurück und noch mehr – wenn man an den Schöpfungsmythos des Gilgameschepos denkt.

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